
Zum Seminar „Rudolf Steiners Denklehre“
Dr. Yves Hellmuth (Düsseldorf, Lehrer für die Fächer Philosophie und Deutsch
Zum Seminar „Rudolf Steiners Denklehre II“
Rilke beschreibt in seinem 1899 veröffentlichten Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ die Gefahr, dass das benennende Wort die lebendige Wirklichkeit gleichsam erstarren lässt:
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
Gottfried Benn beschwor 1941 dagegen den intuitiven Augenblick dichterischer Erkenntnis:
Ein Wort, ein Satz – : aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu ihm hin,
In beiden Gedichten zeigt sich so die besondere Sensibilität der modernen Lyrik für das spannungsvolle Verhältnis von Wort, Gedanke und Ursprung.
Im Seminar haben wir uns diesem Verhältnis mit Hilfe der Kunst und der Dichter, vor allem aber anhand der Konzentrationsübung genähert, die Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ darstellt und die wir in einzelnen Passagen besprochen haben. Dabei eröffnete sich der Blick auf eine andere Möglichkeit des Denkens. Der gewöhnliche Gedanke begegnet uns bereits als fertiges Ergebnis: Er ist zum Begriff, zum Wort erstarrt – gebunden an äußerliche logische Folgen und durchsetzt von emotionalen Komplexen. Die Aufmerksamkeit kann jedoch hinter dieses fertige Ergebnis zurückgehen und jene lebendige Bewegung erfassen, aus der der Gedanke erst hervorgeht. In der Konzentration wird deshalb nicht ein besonderer Gedankeninhalt gesucht, sondern die Tätigkeit des Denkens selbst verstärkt und von ihrer Gebundenheit an den jeweiligen Inhalt gelöst. An die Stelle des selbstverlorenen Denkens „über etwas“ kann so allmählich ein gegenwärtiges, intuitives Denken treten, in dem Erkennen nicht mehr nur im fertigen Begriff festgehalten, sondern in seinem Entstehen erlebt wird.
Darin liegt zugleich die Möglichkeit einer Kultur, die den modernen Menschen – Nietzsches „letzten Menschen“, also uns – davor bewahren könnte, im Wort und seiner äußeren logisch-dialektischen Form den eigentlichen Sinn, das heißt das lebendige intuitive Denken, zu verlieren. Dieses Denken beruht dabei gerade nicht auf den alten Wegen der Tradition, der Philosophie und der Autorität, sondern kann nur ein gegenwärtiger, eigener Vollzug des Denkens sein, in dem der Mensch die Bewegung des Erkennens unmittelbar erlebt. Ein Denken, das uns erst noch bevorsteht.
In diesem Halbjahr möchten wir uns der Frage nach dem intuitiv-lebendigen Denken weiter widmen: anhand ausgewählter Texte Rudolf Steiners, insbesondere aus der „Philosophie der Freiheit“, anhand der Ausführungen anderer anthroposophischer Autoren und wiederum mit Hilfe der Kunst und der Dichtung. Das Seminar setzt allein das Interesse an der Frage nach dem intuitiven Denken voraus.
Gäste sind nach Absprache herzlich willkommen!
Termine 2026
18.30–20.30 Uhr
07.09./21.09./05.10./09.11./
